aus „3-Tonnen-Edition”

  • 1973–1985
  • Siebdruck beidseitig auf PVC-Folie, mit brauner Ölfarbe (Braunkreuz)
    46 x 45,5 cm
  • Auflage: Ca. 560 Exemplare, meist mit Ölfarbe (Braunkreuz) bemalt. Dieses Exemplar gestempelt, signiert und nummeriert
  • Herausgeber: Edition Staeck, Heidelberg
  • Werkverzeichnis Nr. 74A

Das Bild gehört zu Beuys’ 3-Tonnen-Edition, einer auf PVC-Folie gedruckten Serie mit 44 Motiven, die der Düsseldorfer Fotograf Lothar Wolleh 1971 beim Aufbau der Beuys-Ausstellung im Stockholmer Moderna Museet in Beuys’ Auftrag gemacht hatte. Ursprünglich waren sie für ein Unterwasserbuch mit einer Auflage von 200 Exemplaren und einem Gesamtgewicht von drei Tonnen geplant, das sich aber aus technischen Gründen nicht realisieren ließ. Ab 1973 bearbeitete Beuys die losen Folien durch Übermalung, Überdruckung, Collagierung, Ausstanzung oder Bestempelung und gab sie über die Edition Staeck einzeln, jedoch unter dem gemeinsamen Titel 3-Tonnen-Edition in den Handel.1

Das hier abgebildete Motiv zeigt eine große Papierarbeit von Beuys, auf die er den Satz DAS SCHWEIGEN VON MARCEL DUCHAMP WIRD ÜBERBEWERTET gemalt hat.2 Der Satz, so äußerte Beuys, „enthält Kritik an Duchamps Anti-Kunstbegriff und ebenso an seinem späteren Verhalten und dessen Kultivierung, als er die Kunst aufgab und nur noch dem Schachspiel und der Schriftstellerei nachging“.3 Insbesondere habe er versäumt, aus den Readymades die richtigen Konsequenzen zu ziehen und auf das Unterbewusste gesetzt, statt sich bewusst mit Geschichte und Gegenwart zu befassen, befand Beuys.4

Bei dem von Duchamp in den mittleren 1910er Jahren initiierten Konzept des Readymades werden gewöhnliche Alltagsobjekte zu Kunstwerken erklärt. Damit eröffnete sich die Möglichkeit, dass alles als Kunst betrachtet werden konnte, was von einem Künstler oder einer Kunstinstitution als solche erachtet wurde. Beuys schätzte dieses Konzept sehr und verwendete selbst häufig Readymades, indem er beispielsweise gefundene Objekte für seine Multiples nutzte, die er signierte oder stempelte und damit zu Kunstwerken erklärte. Anders als Duchamp war Beuys aber nicht daran interessiert, dass seine Objekte von den traditionellen Kunstinstitutionen – von Museen und Galerien – akzeptiert werden, die aus seiner Sicht abgehoben und vom wirklichen Leben weit entfernt agierten.5 Um diese Distanz aufzuheben, nutzte Beuys seine Readymades und Projekte, um seine Kunst der ganzen Gesellschaft zugänglich zu machen. Denn nur so konnte die Kunst die Aufgabe übernehmen, einen Prozess in Gang zu setzen, der zu einer positiven Veränderung der Gesellschaft führt. Vor dem Hintergrund eines so umfassenden Anspruchs musste Duchamp Beuys als konservativ erscheinen. Gegenüber Irmeline Lebeer äußerte Beuys 1980: „Ich kritisiere ihn, weil er in dem Moment, in dem er auf der Grundlage seines Werks eine Theorie hätte entwickeln können, geschwiegen hat. Und ich bin derjenige, der heute die Theorie entwickelt, die er hätte entwickeln können.“6


  1. Nähere Informationen zur 3-Tonnen-Edition in Jörg Schellmann, Joseph Beuys: Die Multiples, München, New York 1997, S. 442. Vgl. auch die Recherchen des Kunstvereins Bergisch-Gladbach anlässlich der Ausstellung Joseph Beuys: 3-Tonnen-Edition im Jahr 1997: http://krypta182.yours-pk.de/archiv/07_joseph_beuys.htm. Abgerufen am 1. Juni 2014. 

  2. Diese Arbeit entstand 1964 im Rahmen einer Aktion von Beuys, die ebenfalls den Titel Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet trug. 

  3. Beuys in Götz Adriani, Winfried Konnertz und Karin Thomas, Joseph Beuys, Köln 1994, S. 138. 

  4. Zu Beuys’ Kritik an Duchamp vgl. Uwe M. Schneede, Joseph Beuys: Die Aktionen, Ostfildern-Ruit 1994, S. 81. 

  5. Zu Beuys’ Ansichten gegenüber Museen vgl. Frans Haks, „Interview with Joseph Beuys“, in: Karel Blotkamp (Hrsg.), Museum in Motion?, Stedelijk Van Abbe-Museum, Eindhoven 1979, S. 184–196, und Joseph Beuys, „Das Museum – ein Ort der permanenten Konferenz“, in: Horst Gurnitzky (Hrsg.), Notizbuch 3, Berlin 1980, S. 46–74. 

  6. Original in Französisch, in: „Interview with Irmeline Lebeer“, in: Cahiers du Musée national d’art moderne, Nr. 4, 1980, S. 176. 

    Foto 1

    © Mario Gastinger, Photographics, München

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967