Hauptstrom

  • 1973
  • Einladungskarte, gestempelt
    17,3 x 24,5 cm
  • Auflage 50 + 3 a. p., signiert und nummeriert
  • Herausgeber: Edition Staeck, Heidelberg
  • Werkverzeichnis Nr. 70A

Das Foto in diesem Multiple zeigt Beuys 1964 inmitten des Fluxus-Happenings Busstop von Wolf Vostell.1 Für das Multiple stempelte Beuys die Karte, auf die das Foto gedruckt wurde, mit den Kontaktdaten der kurz zuvor von ihm mitgegründeten „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ und einem runden Motiv, das er Hauptstrom nannte. Damit stellte er einen Zusammenhang zwischen den Fluxus-Aktionen der frühen 1960er Jahre und seinen aktuellen, gesellschaftspolitischen Projekten der frühen 1970er Jahre her, die sich zwar formal unterschieden, thematisch aber Parallelen aufweisen.

Das Interesse, das Beuys der Fluxus-Bewegung in den frühen 1960er Jahren entgegenbrachte, hatte verschiedene Gründe. Er sympathisierte nicht nur mit der anti-elitären Haltung des Fluxus-Gründers George Maciunas, sondern schätzte auch die Bestrebungen von Maciunas, John Cage und Nam June Paik, die Grenzen des tradierten Kunstverständnisses aufzulösen. Ebenso teilte er die Position der Fluxus-Künstler, die Macht des Kunstmarkts durch ephemere Kunstaktionen und preiswerte Multiples zu unterlaufen.2 In den späten 1960er Jahren war Beuys aber zu der Einsicht gelangt, dass die Taktiken der Fluxus-Bewegung letztlich zu begrenzt waren. Zwar unterstützte er weiterhin die Idee einer Demokratisierung des Kunstmarkts, wollte diesen Gedanken aber über die Kunst hinaus in der Gesellschaft selbst realisiert wissen. Diese Überlegung führte ihn 1968 zur Gründung der „Deutschen Studentenpartei“ sowie ihrer Nachfolge-Organisationen, der „Organisation der Nichtwähler, Freie Volksabstimmung“ (1970) und der ein Jahr später gegründeten „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“.

Auch wenn Beuys mit seiner künstlerische Praxis zu Beginn der 1970er Jahre deutlich über das hinausging, was in der Fluxus-Bewegung passiert war, deutet das Multiple Hauptstrom doch auf sein weiterhin vorhandenes Interesse an dieser Bewegung. Der hier verwendete gleichnamige Stempel zeigt neben dem Wort „Hauptstrom“ auch verschiedene kleine typographische Zeichen – zwei Doppelkeile, einen Pfeil, einen Doppelpunkt, ein Magnet-, Kreuz- und ein Erdzeichen. Ihre Bedeutung ist komplex, weist überwiegend aber auf das Fließen von Energieströmen hin, was wiederum auf den Begriff Fluxus deutet, dessen lateinischer Ursprung ebenfalls „Fließen“ bedeutet.


  1. Beuys nahm an dem Happening spontan teil. Vgl. Jürgen Becker und Wolf Vostell (Hrsg.), Happenings. Fluxus, Pop Art, Nouveau Réalisme, Reinbek bei Hamburg 1965, o. S. 

  2. Einen guten Überblick über die Nähe zwischen Beuys und der Fluxus-Bewegung findet sich in: Götz Adriani, Winfried Konnertz, Karin Thomas, Joseph Beuys. Leben und Werk, Köln 1994, S. 50–61. 

    Foto 1

    © Mario Gastinger, Photographics, München

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967