Zeichnungen zu „Codices Madrid“ von Leonardo da Vinci

  • 1975
  • Buch mit 81 Granolithographien, 156 Seiten, Halbleinen
    23 x 16,5 cm
  • Auflage: 1000, nummeriert; Exemplare 1–100 mit einer Mappe mit 12 Granolithographien, Maße unterschiedlich
    ca. 30 x 24 cm, im Passepartout 40 x 32 cm
    Auflage: 100, signiert, nummeriert auf jedem Blatt
  • Herausgeber: manus Presse, Stuttgart
  • Werkverzeichnis Nr. 165–176

Das Buch spiegelt Beuys’ Auseinandersetzung mit zwei verschollenen Bänden mit Zeichnungen von Leonardo da Vinci wider, die 1965 in Madrid wiederentdeckt und 1974 als Faksimile veröffentlicht wurden.1 Die in Beuys’ Buch enthaltenen 81 Lithographien zeigen Bleistiftzeichnungen, die neben aufschlussreichen Parallelen auch deutliche Unterschiede zwischen diesen beiden Künstlerpersönlichkeiten veranschaulichen.

Ein häufig wiederkehrendes Motiv in den Zeichnungen sind Energieströme, die sich zwischen verschiedenen Formen bewegen, zu denen Landschaften, menschliche Körper und gelegentlich auch völlig abstrakte Maschinen gehören. Die Ausführung ist zart und enthält neben filigranen Inschriften auch dunkel schraffierten Flächen, durch die die figürlichen Motive wie durch Kraftfelder miteinander verbunden zu sein scheinen. Das erinnert an die Energieflüsse Leonardos, die sich in seinen Zeichnungen von Maschinen und Wasserströmen finden. Während seine Darstellungen aber formal präzise und damit die Gegenstände leicht identifizierbar sind, zeichnen sich Beuys’ Blätter viel stärker durch ihre assoziativen Qualitäten aus, die durch seinen eher intuitiven und improvisierten Arbeitsprozess bedingt sind.2 Besonders deutlich zeigen sich diese Unterschiede in der Darstellung von Körpern: Zwar bevorzugen beide Künstler die Frontal- oder Seitenansicht, doch verzichtet Beuys auf eine anatomisch genaue Wiedergabe und stellt stattdessen symbolische und geistige Prozesse in den Vordergrund. Beispielsweise legt er bei der Skizze einer Frau wenig Wert auf das tatsächliche Aussehen von Gebärmutter und Eierstöcken, sondern betont vielmehr den Aspekt, dass die weibliche Anatomie die Fähigkeit besitzt, Leben zu schenken. Auch die Landschaftsbilder in Beuys’ Skizzenbuch sind häufig spirituell geprägt. Seine Gebirgszüge zeigen in krakeliger Linienführung Verwerfungen, die auf die geologischen Prozesse verweisen, die sich im Laufe der Jahrtausende langsam aber stetig vollziehen.3 Beuys erkannte in solchen Dynamiken Zeichen für eine geistige Energie im Untergrund, die ihn mehr als die physikalische Seite interessierte, die für Leonardo von Belang war.4

Während Leonardos Codices für seinen privaten Gebrauch bestimmt waren, ist Beuys’ Buch – wie alle seine Multiples – für die Öffentlichkeit entstanden. Um diese Funktion zu unterstreichen, hat Beuys für sein Buch ein ungewöhnliches Cover gewählt: Statt Leinen oder Leder zu nehmen, die für Faksimile-Ausgaben normalerweise verwendet werden, entschied sich Beuys für einfache Pappe, die mit einem Schwarz-Weiß-Muster bedruckt wurde, das von amerikanischen Schulheften stammt.5


  1. Zur Geschichte dieses Projekts von Beuys und für nähere Informationen zu den originalen Zeichnungen Leonardos vgl. Cornelia Lauf, „Multiple, Original und Künstlerbuch: Die Codices Madrid“, in: Lynne Cooke und Karen Kelly (Hrsg.), Joseph Beuys: Zeichnungen zu den beiden 1965 wiederentdeckten Skizzenbüchern „Codices Madrid“ von Leonardo da Vinci, Düsseldorf 1998, S. 39–40, und Ann Temkin, „Joseph Beuys: Codices Madrid“, ebda., S. 13 

  2. Martin Kemp hat allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass beide Künstler den Prozess des Zeichnens in ähnlicher Weise als Mittel zur intellektuellen Auseinandersetzung nutzen. Das Skizzenbuch wird damit zu einem Reservoir für kreative Experimente, deren spätere Realisierung offen bleibt. Vgl. Martin Kemp, „Leonardo – Beuys: Das Skizzenbuch als Experimentierfeld“, in: Lynne Cooke und Karen Kelly (Hrsg.), Joseph Beuys: Zeichnungen zu den beiden 1965 wiederentdeckten Skizzenbüchern „Codices Madrid” von Leonardo da Vinci, Düsseldorf 1998, S. 31–38. In einem Gespräch beschrieb Beuys Leonardos Codices eher als technische Kataloge möglicher Dinge denn als Kompendien existierender Gegenstände. An diesem Punkt ist Leonardo als ein Vorbild für Beuys zu sehen. Vgl. Martin Kunz, „Gespräch mit Joseph Beuys“, in: Marianne Eigenheer (Hrsg.), Joseph Beuys: Spuren in Italien, Luzern 1979, o. S. 

  3. Joseph Beuys’ Ehefrau Eva hat sich in ihrer Abschlussarbeit an der Düsseldorfer Akademie genauer mit solchen Abläufen beschäftigt. Ihr Thema waren die Landschaften, die im Hintergrund von Leonardos Bildern auftauchen. Von ihren Forschungsergebnissen ausgehend, entwickelte Beuys zentrale Energieströme für Leonardos Darstellungen von Landschaften und menschlichen Körpern. Vgl. Eva Beuys-Wurmbach, Die Landschaften in den Hintergründen der Gemälde Leonardos, München 1977.  

  4. Martin Kunz in: Marianne Eigenheer (Hrsg.), Joseph Beuys: Spuren in Italien, Luzern 1979, o. S. 

  5. Ann Temkin merkt an, dass die Gestaltung von Beuys’ Buch von einem Schulheft stammt, das Caroline Tisdall in New York gekauft hat. Vgl. Ann Temkin, „Joseph Beuys: Codices Madrid“, in: Lynne Cooke und Karen Kelly (Hrsg.), Joseph Beuys: Zeichnungen zu den beiden 1965 wiederentdeckten Skizzenbüchern „Codices Madrid“ von Leonardo da Vinci, Düsseldorf 1998, S. 21, Fußnote 33.   

    Fotos 1–5

    © H. Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967