Vitex agnus castus

Das Multiple basiert auf einem Foto von Klaus Staeck und zeigt Gegenstände, die Beuys bei der Aktion Vitex agnus castus 1972 in Neapel verwendet hat. Dafür hatte Beuys im Vorfeld der Aktion ein kobaltblaues Band mit der schwefelgelben Beschriftung „VITEX AGNUS CASTUS“ versehen, dem Namen einer Pflanze, die als Mönchspfeffer oder Keuschbaum bekannt ist. Dieses Band und einen Strauch der Pflanze befestigte er hinten an seinem Hut. Nachdem er seine Hand mit Schmieröl eingerieben hatte, legte er sich auf den Boden und ließ seine ölverschmierte Hand fast drei Stunden lang über die herausstehenden Kupfer- und Eisenplatten einer Skulptur gleiten, die aus zwei Stapeln unterschiedlich hoher Schichtungen aus Wachs-Fett-Platten, Kupfer und Eisen bestand. Dabei schien sich sein Körper zunehmend mit der Energie aus den Platten aufzuladen, die ihn zum Vibrieren brachte.

Solche Schichtungen aus einem bestimmten Material, die als Wärme- und Energiespeicher fungieren, finden sich häufiger in Beuys’ Werk. Bei der Aktion Vitex agnus castus verwendet Beuys vier verschiedene Materialien in den beiden Stapeln, die durch die Kombination aus Speicher (Wachs, Fett, Eisen) und Leiter (Kupfer) die Funktion einer Batterie übernehmen.1 Neben dieser Aufgabe als Energieleiter verbindet Beuys im übertragenen Sinne mit Eisen und Kupfer aber auch den Dualismus des Männlichen und Weiblichen.2 Da er beide Elemente in seiner Schichtung verwendet, vereint er diese Prinzipien hier nicht nur, sondern signalisiert auch deren Gleichberechtigung. Tatsächlich hat sich Beuys gegen die allgegenwärtige Dominanz des Männlichen sehr für die Rechte von Frauen eingesetzt. In Vitex agnus castus wird dieser Gleichstellungsprozess in Gang gesetzt, indem Beuys die Energien sowohl des weiblichen Elements Kupfer als auch des männlichen Elements Eisen absorbiert.

In diese Richtung weist auch der Einsatz des kobaltblauen Bands und des Pflanzenstrauchs: Beuys kombiniert hier die Kälte des blauen Kobalts mit der mythologischen Bedeutung der Pflanze, die den alten Griechen zur Verehrung der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres diente.3 Beide verband er mit seiner Aktion zur Aktivierung der Batterie und veranschaulicht damit seine Intention, diese beiden einander entgegengesetzten Prinzipien in seiner Person in Einklang zu bringen.


  1. Uwe M. Schneede hat darauf hingewiesen, dass die Form der Schichtungen auf frappierende Weise der sogenannten Voltaschen Säule, der ersten brauchbaren Stromquelle, ähnelt. Vgl. Uwe M. Schneede, Joseph Beuys: Die Aktionen, Ostfildern-Ruit 1994, S. 319. 

  2. Zu den geschlechtsspezifischen Aspekten von Eisen und Kupfer in Beuys’ Batterien vgl. Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 26 und S. 239. 

  3. Darauf weist Caroline Tisdall hin. Vgl. Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 225. 

    span>Foto 1

    © Mario Gastinger, Photographics, München

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967