So kann die Parteiendiktatur überwunden werden

  • 1971
  • Bedruckte Tragtasche aus Polyäthylen mit Informationsmaterial und Filzobjekt
    Tasche: 75 x 51,5 cm, Filz: 68 x 48 x 1,2 cm
  • Auflage: 10.000 geplant, mit Filzobjekt nur ca. 500 hergestellt; signiert und nummeriert auf einem Blatt des Informationsmaterials
  • Herausgeber: art intermedia, Köln
  • Werkverzeichnis Nr. 40

In den Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg mit ihrem beginnenden Wohlstand herrschte in der westdeutschen Gesellschaft anfangs großer Optimismus, der in den 1960er Jahren allerdings zunehmend obsolet wurde. Insbesondere in den Studentenprotesten von 1968 zeigte sich die Unzufriedenheit der jungen Generation mit den verkrusteten Gesellschaftsstrukturen. Ihre Proteste richteten sich gegen das verstaubte Hochschulwesen, die große Koalition, den Vietnamkrieg und die fehlende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Neben Reformen im Hochschulbereich forderten die Studenten mehr Mitbestimmung, um an gesellschaftlichen Prozessen mitwirken zu können. Vor dem Hintergrund solcher Reformbestrebungen hatte Beuys mit seinen Studenten bereits 1967 die „Deutsche Studentenpartei“ gegründet, deren wesentliches Ziel die Erziehung aller Menschen zur Mündigkeit war. Um sein Anliegen über den engen Rahmen der Hochschule hinaus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, folgte 1970 die Gründung der „Organisation der Nichtwähler, Freie Volksabstimmung“, aus der ein Jahr später die „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ hervorging, mit der sich Beuys dafür einsetzte, dass die Wahlberechtigten über politische Sachfragen selbst abstimmen können, statt sich von gewählten Abgeordneten repräsentieren zu lassen.1

So kann die Parteiendiktatur überwunden werden wurde im Auftrag der „Organisation der Nichtwähler, Freie Volksabstimmung“ hergestellt, um ihre politischen Vorstellungen publik zu machen. Es ist eine große, beidseitig mit Diagrammen bedruckte Plastiktüte mit Informationsmaterial. Das erste Diagramm ist eine Zeichnung von Beuys, die veranschaulicht, warum das Parteiensystem durch Volksabstimmungen ersetzt werden muss, in denen alle Bürger unmittelbaren Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Das zweite, in Druckbuchstaben ausgeführte Diagramm stellt die Vorteile „in einer wirklichen Demokratie“, in der es „um alle Menschen geht“, dem „Parteienstaat“ gegenüber, in dem der Mensch „nur als Wähler und als Steuerzahler interessant“ ist. Die Tüte wurde bei verschiedenen Aktionen – beispielsweise bei der Straßenaktion Aktion mit der Tragetasche in Köln 1971 und Ausfegen am 1. Mai 1972 in Westberlin – kostenlos verteilt und auf der documenta 5 in Kassel 1972 verkauft. Der über den Verkauf der Tragetasche mit der Filzplastik erzielte Reingewinn floss der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ zur Förderung ihrer politischen Arbeit zu.2


  1. Zur Gründung der Organisation der Nichtwähler, Freie Volksabstimmung vgl. Götz Adriani, Winfried Konnertz, Karin Thomas, Joseph Beuys. Leben und Werk, Köln 1994, S. 117 ff. 

  2. Ebda., S. 14 f. 

    Fotos 1, 2

    © H. Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967