Letter from London

  • 1977
  • Lithographie auf Bütten, auf Holzplatte aufgezogen, gestempelt
    89 x 118 x 2 cm
  • Auflage: 115 + 15 a. p., signiert, nummeriert und datiert
  • Herausgeber: Matthieu AG, Dielsdorf/Zürich
  • Werkverzeichnis Nr. 194

Letter from London basiert auf einer Zeichnung, die Beuys 1974 während eines Vortrags auf einer Tafel gemacht hatte. Anlass war die Ausstellung Art into Society – Society into Art am Institute of Contemporary Art in London, an der er teilnahm. Solche Zeichnungen auf Tafeln finden sich häufiger in Beuys’ Werk und stellen eine Art bildlicher Zusammenfassung der wichtigsten Ideen des jeweiligen Vortrags dar. Darüber gab er in einem längeren Gespräch mit dem Kunstkritiker Willi Bongard 1977 ausführlich Auskunft.1 Zentraler Gedanke des Londoner Vortrags, so berichtet er hier, war die Überwindung des Materialismus zugunsten einer stärker geistig geprägten Weltsicht.2 Für den materialistischen Bereich, auf den das westliche Denken beschränkt ist, steht der größere Kreis in der Mitte, in dem das Wort „Materia“ (Materie) geschrieben steht. Darüber befinden sich die mit einer Strichlinie verbundenen Buchstaben S für Sender und E für Empfänger sowie eine unregelmäßige Zickzacklinie. Es handelt sich also um ein Kommunikationsmodell, das durch die seitenverkehrte Position des E als ein reziproker Prozess anschaulich wird, der in einer Sphäre des materialistisch geprägten Denkens angesiedelt ist. Dem müssten, so erläuterte Beuys in seinem Vortrag, neue Kommunikationsformen gegenübergestellt werden, die sich auf einer geistigen Ebene vollziehen.

Unterhalb dieser Zeichnung befinden sich zwei kleinere Kreise, die durch sich überkreuzende Linien miteinander verbunden sind. Im linken Kreis steht das Wort „Myth“ (Mythos), das an Traditionen aus vorchristlicher Zeit erinnert. Der leicht gewellte leere Kreis rechts verweist für Beuys auf eine Lebensweise, die sich vom Materialismus entfernt und sich stattdessen einer von geistigen Interessen bestimmten Haltung zuwendet. In dem kleinen, von zwei Achsen durchschnittenen Kubus, der sich neben dem linken Kreis befindet, manifestiert sich das analytische Denken der Wissenschaft. Auf dem Weg von einer mythisch geprägten Vergangenheit zu einer zukünftigen geistigen Erneuerung gilt es also, diese Art des rationalen Denkens zu überwinden, um sich aus der Begrenztheit der materialistischen Weltsicht zu befreien.


  1. Vgl. „Letter from London: Joseph Beuys im Gespräch mit Willi Bongard“, in: Jörg Schellmann (Hrsg.), Joseph Beuys. Die Multiples, München, New York 1997, S. 555–564. 

  2. Ebda. 

    Foto 1

    © Mario Gastinger, Photographics, München

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967