mit Schwefel überzogene Zinkkiste (tamponierte Ecke)

  • 1970/1974
  • Zinkblech, Schwefel, Gaze, gestempelt
    64 x 31 18 cm
  • Auflage: 200 geplant, nur 150 Exemplare fertiggestellt, mit Schwefel überzogene Kiste signiert und nummeriert, Kiste aus Zinkblech nicht signiert und nummeriert
  • Herausgeber: Edition Staeck, Heidelberg
  • Werkverzeichnis Nr. 21b

Das Multiple besteht aus zwei offenen Zinkkisten.1 Die eine Kiste, in deren linker unteren Ecke sich ein kleines dreieckiges Stück Gaze befindet, ist mit gelbem Schwefel überzogen. Beuys verwendet Kisten in einem metaphorischen Sinne als Stellvertreter für den Kopf des Menschen und symbolisiert über die eingesetzten Gegenstände und Materialien die Vorgänge, die sich dort abspielen.2 Die hier verwendeten Materialien Schwefel, Zink und Gaze deuten sowohl auf rationale als auch auf geistige Prozesse hin, die in den metallenen „Köpfen“ ablaufen. Die rationale Komponente, die Beuys mit dem vernunftgesteuerten Denken und der materiellen Welt verband, drückt sich in der streng geometrischen Form der Kisten aus,3 deren geistige Qualitäten hingegen in den Materialien. Zink ist ein gut leitender Bestandteil von Batterien, die als Energiespeicher und -leiter häufig in Beuys’ Werk zu finden sind. Durch seine Leitfähigkeit fungiert Zink als Anode, die den Strom von der Batterie auf ein anderes Gerät leitet. Begrifflich ist die Anode, deren wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen „Weg nach oben“ meint, mit geistigen Eigenschaften verknüpft, insbesondere mit denen des Ostens, weil Michael Faraday, dem die Wortschöpfung zu verdanken ist, die Anode als „östliche Fläche“ bezeichnet hat.4 Auch der leicht entflammbare Schwefel, mit dem die eine Kiste überzogen ist, symbolisiert in Beuys’ Arbeiten einen Überträger geistiger Energien. Diese Funktion wird durch die Gaze verstärkt, die als Filter für die von außen einströmenden Energien wirkt.5 Der weiche, formbare Stoff in der linken unteren Ecke bildet ein Gegengewicht zu der strengen geometrischen Form der Kiste. Die Ecke, so erklärte Beuys, symbolisiere die mechanistischste Tendenz des menschlichen Geistes, den Eckpfeiler der gegenwärtigen Gesellschaft, der auch in quadratischen Räumen, quadratischen Häusern und quadratischen Städten zum Ausdruck komme. In einem erweiterten Sinne stehe dies für das erstarrte Koordinatensystem unserer Kultur, Wissenschaft und Lebensumstände.6 Durch die Kombination von rationalen und intuitiven Eigenschaften, mit denen Beuys seine Zinkkisten ausstattet, macht er sie zu Allegorien eines idealen Menschen, dem es gelingt, die Begrenztheit der materialistischen Gedankenwelt zugunsten ideeller Erfahrungen zu überwinden.


  1. Anfangs bestand das Multiple nur aus der mit Schwefel überzogenen Kiste. Deshalb auch der Titel, der sich eher auf eine als auf zwei Kisten bezieht. Vgl. Jörg Schellmann (Hrsg.), Joseph Beuys. Die Multiples, München, New York 1997, S. 432. 

  2. Eine erste Kiste mit einer solchen Stellvertreterfunktion entstand 1957 in einer Lebensphase, die von einer akuten Depression gekennzeichnet war. Die Gummierte Kiste bestand aus Holz und war mit schwarzem Gummi und Asphalt überzogen. Später beschrieb er sie als Metapher für die seelische Qual, die er in dieser Zeit durchlitt. Vgl. Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 70. Die Analogie zwischen dem Kopf des Menschen und einer Kiste oder anderer Behälter findet sich auch in den Multiples Intuition (1968) und Mirror-Piece (1975). 

  3. Vgl. hierzu Beuys’ Äußerungen über Geometrie in: Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 72 und 74. 

  4. Michael Faraday, Siebente Reihe von Experimental-Untersuchungen über Elektricität, Leipzig 1834, S. 303. 

  5. Filtern wurde von Beuys als Verfeinerung beschrieben, als Metapher für eine feinere Beschaffenheit, die in den ideellen Bereich gehört. Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 79 

  6. Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 72 und 74. 

    Fotos 1, 2

    © H. Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967