Celtic +∿∿∿∿, für Fußwaschung

  • 1971, 1977
  • Von links nach rechts:
  • Celtic + ∿∿∿∿, 1971

    Super-8-Film, 10 Fotografien, 40 x 50 cm, Flasche mit Gelatine, Bienenwachs, Durchmesser 16,5 x 8,5 cm in einer mit Stoff bespannten Schachtel, gestempelt mit brauner Farbe (Braunkreuz), 41 x 52 x 10 cm
    Auflage: 100, signiert und nummeriert
    Herausgeber: Edition Schellmann, München
    Werkverzeichnis Nr. 37
  • für Fußwaschung, 1977

    Emailschüssel, beschriftet, ca. 10 x 36 cm im Durchmesser
    Auflage: 15, signiert, nicht nummeriert
    Herausgeber: Edition Staeck, Heidelberg
    Werkverzeichnis Nr. 209

Diese beiden Multiples stehen in engem Zusammenhang mit der Aktion Celtic + ∿∿∿∿, die Beuys 1971 in Basel durchgeführt hat. Neben Bezügen zur keltischen Kultur, die im Titel bereits anklingen, gab es in der Aktion mehrere Elemente, die eine deutliche Nähe zur christlichen Symbolik aufwiesen – insbesondere zur Erlöserrolle Jesu Christi.1 Beide Multiples sind einerseits Zeugnisse dieser Aktion und andererseits Vermittler ihrer Inhalte für all jene, die sie nicht im Original haben erleben können. 

Der Super-8-Film und die zehn Fotografien, die zum Multiple Celtic + ∿∿∿∿ gehören, dokumentieren Schlüsselszenen der Aktion. Deutlich wird hier die zentrale Bedeutung, die Gelatine dabei zukommt: Bereits vor der eigentlichen Aktion hatte Beuys Hunderte Gelatinestückchen an den Wänden des Raums fixiert, in dem die Aktion stattfand. In einer längeren Sequenz der Aktion sammelte Beuys die Stückchen von der Wand und legte sie in den runden Blechdeckel, der vorher als Deckel des Behälters gedient hatte, in dem die Gelatine angeliefert worden war. Als die Gelatinestücke schließlich alle von den Wänden entfernt waren, bildeten sie einen instabilen Haufen von einigem Gewicht. Anschließend hob Beuys den Deckel über sich und schüttete die Gelatinestückchen als rituellen Taufakt über seinen Kopf und seinen Körper. Im christlichen Glauben ist die Taufe eine rituelle Handlung, in der der Täufling durch das Taufwasser gereinigt und in die kirchliche Gemeinschaft eingegliedert wird. Beuys deutet den christlichen Ritus durch die Verwendung von Gelatine statt Wasser auf charakteristische Weise um: Gelatine ist ein elastisches Material, das durch Wärme umgeformt werden kann und damit Veränderbarkeit signalisiert. Indem Beuys dieses Material über sich schüttet, stellt er dem orthodoxen Christentum seine Vorstellung von Veränderung und spiritueller Wärme gegenüber. Zugleich nutzt er durch die Fotografien und den Film, die zu dem Multiple gehören, aber ähnliche Verbreitungswege wie die Kirche, die durch zahlreiche bildliche Darstellungen der Taufe Christi die Kirchgänger dazu anhalten wollte, diesem Beispiel zu folgen.

Eine zweite Sequenz, die mit christlicher Symbolik arbeitet, ist in dem Multiple Celtic + ∿∿∿∿ durch die Emailschüssel dokumentiert. Zu Beginn der Aktion hatte Beuys sieben Zuschauern die Füße gewaschen und dabei jeweils das Wasser in der Schüssel erneuert. Das erinnert an die Fußwaschung von Jesus Christus vor dem letzten Abendmahl, bei der er zu seinen Aposteln sagte: „So nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr, noch der Apostel größer denn der ihn gesandt hat.“2 Im Akt der Fußwaschung verdeutlicht Beuys diesen Gedanken von Demut und Gleichheit und verbindet ihn mit seiner Intention, die Kunst als Vehikel für eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft zu nutzen.3 


  1. Auf die Verbindung zu christlichen und keltischen Elementen dieser Aktion, die um den heiligen Gral kreiste, weist überzeugend Uwe M. Schneede hin, in: Joseph Beuys. Die Aktionen, Ostfildern-Ruit 1994, S. 281. 

  2. Johannesevangelium, Kap. 13, Vers 14–16. 

  3. Für weitere Angaben zu Beuys’ Fußwaschung vgl. Riegel, Beuys: Die Biographie, Berlin 2013, S. 345. 

    Fotos 1, 3

    © H. Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

    Foto 2

    © Mario Gastinger, Photographics, München

    Mönchengladbach Museum Catalogue 1967